Warum ich (analog) fotografiere

ich bei der Arbeit für die Fotoaufgabe der Bewegungsunschärfe

Es gibt immer mehr verwunderte Blicke, wenn ich mit einer meiner alten Analog-Kameras unterwegs bin, oder wenn ich mal jemanden fotografiere und diese Person dann zu mir stürmt, um das Bild sofort zu sehen. In diesen Situationen ernte ich sehr häufig entrüstete, verständnislose Blicke. Dann heißt es meistens, dass das Alte doch schlecht wäre, oder dass die neueren Kameras doch viel bessere Bilder machen würden. Nun kommt es natürlich darauf an, was man nun als „besser“ bezeichnet. Wir leben in einer sehr schnelllebigen Zeit, in der alles relativ schnell und flexibel sein muss. Wo früher auf Beständigkeit Wert gelegt wurde, geht es heute nur noch um die schnellere Entwicklung. So ist auch die Entwicklung der Kameratechnologien zügig voran geschritten.

Der Anfang des Sehens

Als ich 2008 meine Leidenschaft für die Fotografie eher zufällig entdeckt habe, wusste ich noch nicht wohin mich dieses Hobby treiben würde. Wenn ich so in die Zeit zurückblicke, muss ich schmunzeln, da es auch eine kurze Überlegung war es Hauptberuflich zu betreiben. Ich habe ein sehr bildliches Denken, sodass ich mir alles sofort vorstelle, um zum Beispiel auch Gefühle metaphorisch darzustellen. Ich verknüpfe Gefühle mit Situationen die ich gesehen habe, oder kombiniere diese, um es am besten zu beschreiben. Man hat mir schon sehr häufig gesagt, dass ich sehr neugierige, klare Augen habe, da ich alles und jeden genau beobachte und auf sehr viele Details achte, die anderen so gar nicht auffallen. Das ist schon immer so gewesen. Schon zu meiner Geburt soll ich die Augen aufgemacht haben, um die Umwelt zu betrachten, statt zu schreien. Natürlich dürfte ich eigentlich nichts gesehen haben, aber nach meinen Eltern war es genau so. Als Kind habe ich schon immer Kameras gern gehabt und habe mir selbst auch eine gewünscht. Leider war es zu der Zeit noch eine Kleinbildkamera und meine Eltern wollten nicht ständig neue Filme entwickeln lassen, weswegen ich mich eher auf das Zeichnen konzentriert habe.

Ich liebe Details und unterschiedliche Blickwinkel, da es mich verwundert wie unterschiedlich ein und dieselbe Sache anders betrachtet eine komplett andere Wirkung haben kann. So wirkt ein verlassenes Krankenhaus auf einmal unheimlich, weil hier Menschen sein sollten die die Menschen besuchen, pflegen, sich um sie kümmern. Man hat es quasi vor dem geistigen Auge, dass dieser Ort lebt, doch das richtige Auge verrät einem was anderes. Schon ist ein Gefühl in uns geweckt bei diesem Bild, was einen unbedrohlichen Ort plötzlich bedrohlich wirken lässt, weil etwas anders ist.
Ein Foto von meinem Auge, mit dem ich alles genaustens unter die Lupe nehme.

Das ist selbstverständlich nur ein Beispiel, damit man meine Art und Weise versteht die Dinge zu betrachten. Erinnerungen sind mir extrem wichtig, da ich Orte, Gegenstände, Gefühle immer einem Bild und wiederum einem Gefühl zuordne, was ich bei der Betrachtung empfinde und das wieder mit was anderem verknüpfe. Alles was ich sehe versuche ich zu verstehen und irgendwie mit etwas zu verknüpfen. So kann ich die wunderbarsten Geschichten aus den einfachsten Dingen ziehen, da mir meine Umwelt unendlich viele Ideen liefert.

Ausdruck durch Bilder

Hier sieht man einen Tunnel der fast gänzlich Schwarz wird in der Mitte, bis es hinten Licht am Tunnelende gibt. Vor dem Tunnel ist alles farblos und erst nach dieser Dunkelheit findet man Licht und Farben. Dies ist eines meiner sehr frühen Arbeiten. Ich weiß noch, wie ich meinen Vater bat anzuhalten, da ich diesen Tunnel unbedingt fotografieren wollte. Sah bestimmt ganz schön doof aus, jedoch habe ich dieses Bild bereits im Kopf gehabt. Es zeigt einfach, wie es manchmal im Leben zu geht. Wir können alles haben, was wir wollen, brauchen, uns wünschen. Doch wirklich schätzen und erkennen tun wir es, wenn wir durch die Dunkelheit, durch schwere Zeiten unseres Lebens gehen. Dann ist das, was uns vorher grau und „normal“ erschien voller Farben und erkennen den Wert dessen, was wir haben. Diese Arbeit war seinerzeit einmal „Foto des Tages“, was mich unendlich stolz gemacht hat, weil ich durch die Fotografie Leuten zeigen konnte, was ich gesehen habe. Ich habe einen Weg gefunden mich auszudrücken – über die Bilder die ich im Kopf habe, die ich durch die Fotografie und durch Bearbeitung surreale Bildnisse zu erschaffen, die zeigen was ich versuche auszudrücken.

berufliche Option…?

Diese Leidenschaft entdeckte ich zu einer Zeit, in der die Berufsfrage extrem groß geschrieben wurde und ich noch nicht wusste, wohin ich genau gehen möchte. Während meiner Ausbildung zum gestaltungstechnischen Assistenten mussten jeder ein 8-Wöchiges Praktikum bei einem medienbrachnenrelevanten Betrieb absolvieren und ich entschied mich für einen sehr großen Werbefotografen. Das Praktikum dort hat mir sehr viel Spaß gemacht, keine Frage. Habe außerdem unendlich viel dort gelernt und hätte mich vermutlich auch wohl gefühlt dort. Doch natürlich sickern auch die negativen Dinge des Berufs durch: es ist ein sehr undankbarer Beruf, weil die Kunden nicht wissen, wie viel Arbeit hinter so einem Foto steckt und eben auch so wenig Geld wie möglich bezahlen wollen, was den Fotografen in teilweise verzweifelte Lagen bringt. Man verdient nicht viel in dem Beruf, da es auch zu viele Fotografen gibt, aber das wäre mir weniger wichtig gewesen. Was bei mir Ausschlusskriterium Nummer Eins war: keiner fotografiert noch gerne privat. Man macht sich das Hobby kaputt und das wollte ich auf gar keinen Fall.

Der Einstieg in die Analogfotografie

Jetzt ist noch die Frage offen, warum ich so leidenschaftlich analog fotografiere. Nun ich habe beschrieben, wie ich die Dinge betrachte und dann eigentlich auch es eher erscheint, dass ich mit Digitalfotografie und anschließender Bearbeitung glücklicher werden würde, was aber nicht stimmt. Ich finde, dass durch die Digitalfotografie sehr viel verfälscht wird, was an sich schon so schön ist. Ich liebe Details und deswegen auch die Details, die in der Realität vorhanden sind, die viele nicht mehr sehen. Ich habe mich zur Analogfotografie hingezogen gefühlt, da diese Kameras noch für die Ewigkeit gebaut wurden und keine Wegwerfprodukte sind. Diese ganzen technischen Erleichterungen sind mir lästig geworden, da sie mir zuviel abgenommen haben. Die analoge Fotografie hat einen ganz besonderen Reiz, da ich nicht vorher weiß, wie das Bild geworden ist und überlege mir natürlich dreimal, ob ich abdrücke.

Ein Bild meiner Minolta XD7

So ist jedes Bild was besonderes

So entschied ich mich vor gut zwei Jahren mit der Analogfotografie zu beginnen und bin in ein Fotofachgeschäft gestoplert, die noch sehr viele analoge Kameras angeboten haben. Da ich so noch keine Ahnung von der Analogfotografie hatte, wurde ich freundlich beraten und mir wurde die Minolta XD7 für den Einstieg empfohlen durch die integrierte Blendenvorwahl-Zeitautomatik, was zu ihrer Zeit was ganz besonderes war. Ich habe mich wirklich verliebt, da es einen ganz anderen Reiz hatte nicht sofort zu wissen, wie die Bilder werden und damit auf Tour zu gehen. Ich habe schnellstmöglich versucht den ersten Film voll zu kriegen und war von dem Ergebnis überwältigt.

Nicht weil es unglaublich gut aussah, sondern vielmehr eben weil es Fehler hatte und viel mehr Aufwand für wenige Bilder gekostet hat. Jedes Bild ist wohl überlegt gewesen und die Vorfreude zu den Bildern viel größer. Alles ist ungeschönt dargestellt, wie es einfach ist und das bedeutet mir viel, da ich nicht nur zeigen kann was ich sehe, sondern auch so wie es wirklich ist.

eine analog fotografierte Katze im Feldein erstes Testfoto in meinem Zimmer mit der Minolta XD7ein analog fotografierter Hund im Grasanalog fotografierter Haufen Verpackungen

Dass bei der Analogfotografie auch hier und da mal Fehler passieren können, sei es egal bei welchem Schritt bis zum fertigen Bild, ist ja wohl klar.
Doch auch diese Fehler liebe ich und finde es spannend, nicht immer alles komplett kontrollieren zu können und mehr Aufwand zu haben. Dabei fällt mir aus meinem Lieblingsbuch „Die Furcht des Weisen“ von Patrick Rothfuss eine Stelle ein, die so zutreffend ist, dass ich diese hier unbedingt erwähnen muss:

Die törichte Liebe ist in vieler Hinsicht die einzig wahre Liebe. Etwas aus Gründen zu lieben: Das kann jeder. Das ist so einfach wie einen Penny einzustecken. Doch etwas trotzdem zu lieben, die Fehler zu kennen und auch sie zu lieben: Das ist selten, rein und vollkommen.

Patrick Rothfuss, Die Furcht des Weisen 1, Kapitel 6.

die Wirgin Balgenkamera von Fritz Wehberg

Doch ich wollte noch ein paar Schritte weiter zurück, da mir die Minolta irgendwann zuviel abgenommen hat und ich immer noch zu viele Möglichkeiten hatte einzustellen, Objektive zu wechseln. Ich erhielt irgendwann die hier abgebildete Wirgin Balgenkamera die noch meinem Urgroßvater gehört hat. Leider ist trotz langer Pflege und einem Jahr für wenige Bilder das Ergebnis ernüchternd gewesen, da der Balgen doch schon Risse am Rand aufwies, oder diese noch entstanden sind, während ich sie nochmal benutzt habe. Einen ausführlichen Bericht, über die Pflege und die Ergebnisse des ersten Films nach ein paar Jahrzehnten kann man hier nachlesen: Den ersten eigenen Film entwickelt. Ihre Tage sind gezählt und sie wird nicht mehr fotografieren. Doch ich habe eine starke Bindung zu dieser Kamera, da sie meinem Ur-Großvater gehörte und sie wird auch weiterhin von mir gepflegt.

Ein spätes Geschenk

Die Rolleiflex T1 beim FotografierenWeiter oben erwähnte ich bereits das Fotofachgeschäft, wo ich meine erste Analogkamera erstanden habe. Nun, ich habe eine gute Freundschaft zu den Besitzern aufgebaut und auch sehr viel von ihnen gelernt und im Gegenzug mit meinen Photoshop-Kenntnissen ausgeholfen und auch fleißig mein Equipment bei ihnen gekauft. Einige Zeit später sollte ich noch zusätzlich für meine Mühen belohnt werden. Ich habe von ihnen meine Rolleiflex T1 geschenkt bekommen, mit der ich derzeit unterwegs bin. Der erste Film ist bereits entwickelt und ein anderer bereits auf den Weg dorthin und wieder ein anderer wartet seelenruhig in der Kamera und man darf gespannt sein, wie es mit ihr weitergeht. Meine ersten Erfahrungen kann man bereits hier nachlesen: Rolleiflex T1 – der erste Film

Eins steht auf jeden Fall fest: ich bin noch am Anfang und werde hoffentlich noch sehr viele Erfahrungen mit meinen Kameras machen, die ich selbstverständlich bereitwillig hier veröffentlichen werde. Durch die Fotografie habe ich einen Weg gefunden das festzuhalten, was mich bewegt und eben auch das anderen zu zeigen, was ich sehe.

2 Kommentare

  1. Sehr schöner Artikel… und die analoge Fotografie ist wundervoll, und man muss viel Zeit investieren und rum probieren damit ein digitales SW Foto auch nur annähernd den Charme einer analogen SW Aufnahme erreichen kann …hatte damals eine Nikon f801…

    Für Konzertfotografie ist das aber leider heute nicht empfehlenswert… aber hier noch ein nettes Zitat das ganz gut passt:

    „Die Tatsache, dass eine (im konventionellen Sinn) technisch fehlerhafte Fotografie gefühlsmäßig wirksamer sein kann als ein technisch fehlerloses Bild, wird auf jene schockierend wirken, die naiv genug sind, zu glauben, dass technische Perfektion den wahren Wert eines Fotos ausmacht.“

    Andreas Feininger – US-amerikanischer Fotograf, Architekt, Maler und Autor

  2. Ich kann genau nachempfinden wie du das siehst meiner meinung nach gibt es immer verschiedene wege wie man etwas betrachten kann und daduch kann es auch einen ganz anderen effekt haben die fotografie ist sicherlich ein tolles mittel um das umzusetzten und aufzuzeigen wie man die welt sieht sowas würd ich auch gern machen hab aber leider nicht die mittel dafür. Die Analog Fotografie find ich auch sehr intressant hab erst kürzlich einen alten film gefunden von vor 10 jahren und hab ihn entwickeln lassen und war total aufgeregt was darauf ist die bilder sind meiner meinung nach auch viel ehrlicher und wirken irgendwie echter als die digitalen Fotografien ich hoffe du wirst weiterhin viel spaß daran haben 🙂 liebe grüße Jenni

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