Den ersten eigenen Film entwickelt

Die Wirgin Balgenkamera von Fritz Wehberg

Vor fast zwei Jahren erhielt ich die Mittelformat-Balgenkamera meines Urgroßvaters, die bis dato bei meinem Großvater in einer Vitrine eingesperrt war. Der Balgen war recht trocken, porös und an einigen Stellen eingedrückt, der Spiegel war blind, der Auslöser hing etwas, der Klappmechanismus war verbogen, der Selbstauslöser blieb stecken und die Staubschicht kam mir fingerdick vor. Kurz gesagt: ich liebe sie.

Entstaubt und wieder hingebogen

Es hat mich fast einen Monat gekostet diese schöne Kamera, die auch meine Seite ziert wieder auf Vordermann zu bringen. Unter meinem Tatendrang entschied ich mich, zu aller erst den Staub zu entfernen – sogar aus den hintersten Winkeln. Dies war gar nicht so einfach, da ich mit keinen Reinigungsmitteln irgendwas zerstören wollte. Der Spiegel war eine wahre Herausforderung, da dieser einfach nicht aufklaren wollte. Doch nach etlichen Versuchen gelang es mir doch, wieder eine glatte spiegelnde Oberfläche zu schaffen. Irgendwann wurde wohl Gewalt angewendet, um die Kamera zu schließen, sodass ein Metallteil an der Seite nach Innen gebogen wurde. Doch auch das wurde wieder „hingebogen“.

verknitterter Balgen

Den Balgen habe ich mit flüssiger Schuhcreme behandelt, was ein Tipp von einem erfahrenen Kamera-Sammler aus Unna war. Schon nach den ersten zwei Behandlungen fühlte sich der Balgen wieder schön geschmeidig an und sah fast aus wie neu, aber auch nur fast. Der Balgen wies noch diese hässlichen eingedrückten Stellen auf, die ich nun mit einer Pinzette und einem Stück gefaltetem Papier langsam wieder rausgeholt habe, indem ich mit dem Papier die ursprünglichen Knickstellen entlang gefahren bin, während mit der Pinzette die eingedrückten Stellen hochgezogen wurden. Stück für Stück konnte der Balgen so eingeklappt werden – den Rest erledigte die Zeit.

Während den ganzen Behandlungen spannte ich den Auslöser und löste aus. Bin dabei auch alle möglichen Belichtungszeiten durchgegangen und der festgesetzte Staub löste sich immer mehr und die Mechanik funktionierte wieder.

Die Wirgin Balgenkamera von Fritz Wehberg

Nun war sie bereit für den ersten Film seit fast drei Jahrzehnten. Ich entschied mich hierbei für einen Ilford HP5 ASA 400. Nachdem ich mit etwas Geschick den Film einlegt habe nahm ich mir fest vor, diese Fotos nur für ganz spezielle Aufnahmen aufzubewahren.

Das letzte Foto und die Entwicklung

Mein letzter Besuch in Görlitz erschien mir als passendes abschließende Foto. Nachdem ich den Film herausgenommen habe, entdeckte ich im Balgen eine defekte Stelle und hoffte, dass diese nicht schon sehr lange dort war. In der Schule bekam ich die Chance den Film selbst zu entwickeln. Unter der Anleitung meines Klassenlehrers lernte ich, wie ich einen Film im Dunkeln auseinander nehme und in die Spule einlege, um diese dann mitsamt Film in einen lichtundurchlässigen Behälter zu packen. Interessant finde ich die Technik, dass man Flüssigkeit einfüllen kann, jedoch kein Licht hineindringen kann. Danach erfolgte erstmal eine gründliche Spülung mit klarem Wasser. Anschließend wurde Entwickler in einem Verhältnis 1:10 aufgefüllt und eingegossen. Nun hieß es in einem drei Sekunden Takt das Behältnis acht Minuten lang zu hin und her zu kippen. Es erfolgte eine weitere Spülung mit Wasser, nachdem ich den Entwickler in einem dafür vorgesehenen Kanister entsorgt habe. Die Spülung mit Wasser war im Übrigen auch der Entwicklungsstopper. Nun wurde der Film mit Fixierer fünf Minuten lang behandelt, dabei kippte ich das Behältnis auch wieder im drei Sekunden Takt hin und her. Zuletzt erfolgte eine letzte Wässerung, die durch einen Schlauch der in das Behältnis gesteckt wurde und unter Druck Wasser durchgespült hat beschleunigt wurde.

Spannung nach der Entwicklung

Der spannende Moment war da: der Film konnte gesichtet werden. Ich traute mich kaum den Film von der Spule zu ziehen. Kurzerhand zog mein Lehrer den Film hinaus und wir sahen einen gut entwickelten Film, mit einigen tiefschwarzen Überbelichteten Bildern. Mist. Es ist leider Licht durch den Balgen gedrungen und hat die Bilder zerstört. Doch ich konnte auf dem allerersten Bild ein winziges Stück entdecken, dass nicht von dem vernichtendem Licht betroffen wurde: ich sah ein paar Schuhe. Doch auch, wenn meine Kamera nun nur noch für die Vitrine taugt, so ist meine Leidenschaft erneut entfacht worden und ich tue alles daran, den nächsten s/w Film mit meiner Minolta zu befüllen, um diesen selbst entwickeln zu können.

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